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Farbpigmente im Blut

Von A. W. Mayer am 23. September 2013 in Aktuelles, Presse
Alles begann damit, dass August Wilhelm Mayer seiner Martha in der Suppenküche am Hafen zu tief in die Augen blickte. Ihrer Liebe hat es der Enkel zu verdanken, dass er in diesem Jahr das 110-jährige Jubiläum des Malereibetriebs A. Wilh. Mayer u. Sohn feiern kann.

Welch exklusives Shoppingambiente: Die Macher des jüngst eröffneten »Apropos Concept Store« am Neuen Jungfernstieg versprechen »Labels, Lust und Luxus« in perfekter Inszenierung. Zu dieser gehört auch der Bodenbelag: Mithilfe von Originalmatrizen handgefertigte Fliesen, die den Charme alter Landadelssitze aufleben lassen. Verlegt wurden die »Castle Stones« von der Firma A. Wilh. Mayer u. Sohn, die zwar den Zusatz »Maler aus Passion. Seit 1903« im Titel trägt, jedoch weit mehr als Arbeiten mit Pinsel und Rolle anbietet. Die eigenen Ausstellungsräume in der Warnstedtstraße sind der beste Beweis dafür. Vor 17 Jahren las Amandus W. Manfred Mayer eine Vermietungsanzeige für die Räume einer ehemaligen Fischräucherei. Er verliebte sich sofort in den Backsteinbau mit den hohen Decken, dem vielen Licht und der Verladerampe vor der Tür. Und so entwickelte er daraus eine atmosphärische Präsentationsfläche für leuchtende Wandfarben, faszinierende Oberflächenstrukturen sowie edle Tapeten und Stoffe.
Dem Großvater hätte dieser Showroom bestimmt gefallen. August Wilhelm Mayer kam 1896 aus Schwaben nach Hamburg, um nach Amerika auszuwandern. In der Suppenküche am Hafen arbeitete Martha, die den Süddeutschen wohl nicht nur seiner schmächtigen Statur wegen mit Extraportionen bedachte. Und so entschied er sich zu bleiben und gründete eine Malerfirma, die zum Beispiel mit Deckenverzierungen in den Ufa-Kinos und im Schauspielhaus tätig wurde.Für die zweite Generation gestaltete sich der Einstieg zunächst schwierig: Berthold, 1909 geboren, musste an die Front und kehrte erst 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In der in Trümmern liegenden Stadt versuchte er, mit dem Betrieb wieder Fuß zu fassen. »Es war ein Akt der Verzweiflung, dass mein Vater damals zur Geschäftsleitung von C&A ging und um Aufträge flehte«, erzählt Amandus W. Manfred Mayer. »Das aber war der Beginn einer 20 Jahre währenden Geschäftsbeziehung.« Saga-Wohnblöcke, die Grindelhochhäuser, die City Nord – überall waren es die Maler von Mayer, die Raufaser und weiße Farbe an die Wände brachten.
Mitten in den Wirtschaftswunder-Boom hinein wurde 1958 Amandus Wilhelm Manfred geboren. An seine Kindheit in Haus und Werkstatt in Lokstedt denkt er gern zurück. Weniger gern erinnert er sich an den Lösemittelgeruch, der stets über dem Betrieb lag. »Zum Glück ist das vorbei«, sagt Mayer und kommt auf eines seiner Steckenpferde zu sprechen, die eigene Marke »Pur Natur«. »Mit Naturbaustoffen wie Lehm, Ton, Kalk und Leimfarbe können wir ein tolles Raumklima schaffen. Mit Lehmputz statt Latexfarbe kann man die Luft enorm verbessern«, schwärmt Mayer. Er glaubt an den Markt für gesunde, nachhaltige Wandgestaltung nicht nur für Menschen mit »sick building syndrom«. Auch die satten Farben der britischen Manufaktur »Farrow & Ball« mit sehr hohem Farbpigmentanteil sind frei von Giftstoffen und werden von Mayer besonders dann empfohlen, wenn Volltöne die Konturen verschwinden lassen sollen – »das sind Farben wie Musik!« Auf Sylt, wo Mayer der vielen Kunden wegen mindestens wöchentlich vor Ort ist, hat sich diese Farbbrillanz längst herumgesprochen.

Sein Vater erlebte leider nicht mehr, wie der Sohn 1981 die Meisterprüfung abschloss. Als drei Jahre später der eingesetzte Geschäftsführer krankheitsbedingt ausfiel, übernahm daher kurz entschlossen der Junior. »Da stehst du dann mit 26 Jahren vor den Altgesellen und sollst ihnen erzählen, wie es läuft.« Doch Mayer erkannte schon einmal den Trend der Zeit: weniger Großflächenbeschichtungen, mehr Raum für Kreativität. Ähnlich wie der Vater damals bei C&A versuchte es der Sohn nun im »Vier Jahreszeiten«. »Ich fand, wir mussten einfach im besten Hotel der Stadt die Malerarbeiten machen«, so der Vater von zwei inzwischen erwachsenen Töchtern. Wiederum führte Hartnäckigkeit zum Ziel und dieser Kunde zog viele klangvolle Referenzen nach sich. Darunter auch Jil Sander. »Die Arbeiten in ihrem Privathaus waren große Schule für uns«, betont Mayer. Er liebte die Kooperation mit den italienischen Malern unter Leitung des legendären Architekten Mongiardino, die die Designerin eigens anreisen ließ.
Dann kam das Jahr 2006. »Alle Vorzeichen sprachen dagegen, als ich den Auftrag für Malerarbeiten im neuen UKE-Forschungszentrum annahm«, sagt Mayer und hinter dem Bild des so souverän wirkenden Firmenchefs blitzt plötzlich eine von Sorgen geprägte Facette auf. »Ich war dem Generalunternehmer einfach nicht gewachsen.« In nicht enden wollende Nachbesserungen steckte Mayer jede Menge – auch privates – Geld und Emotionen. Nach sieben zermürbenden Verhandlungsjahren ließ das Gerichtsurteil im Jahr 2012 keinen anderen Weg als die Betriebsstilllegung zu. »Die Firma besteht aber weiter in meiner Person, die Mitarbeiter konnten zum Glück fast alle in Kooperationsfirmen unterkommen«, so Mayer. Er akquiriert und berät nun für die Firma von zwei ehemaligen Auszubildenden. Einer der beiden, Marco Bommer, soll zum 110-jährigen Firmenjubiläum im September in die Geschäftsführung bei A. Wilh. Mayer & Sohn einsteigen. Mit der Ausrichtung auf Werthaltigkeit und besonderen Service für exklusive Kunden sieht Mayer das Unternehmen für die Zukunft gut aufgestellt. Besonders am Herzen liegt ihm die Förderung des Malernachwuchses, denen er günstige Schulungen anbietet: »Ich finde es wichtig, dass die jungen Handwerker ihren Beruf mit Begeisterung und Stolz ausüben.« Und eines hat er gelernt: Entschieden wird nie wieder gegen das eigene Bauchgefühl.

Foto Jan Northoff | Text Anneke Fröhlich

Der Hamburger

Erschienen in DER HAMBURGER / Ausgabe Herbst 2013